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B2G: Der Markt, in dem Ihre Konkurrenz nicht antritt
Auf viele öffentliche Ausschreibungen gehen ein oder zwei Angebote ein. Das macht B2G (Business to Government) zu einem der attraktivsten Vertriebskanäle für den Mittelstand. Es gibt nur einen Haken – und für den gibt es inzwischen eine Lösung.
Öffentliche Auftraggeber kaufen dieselben Leistungen wie Ihre privaten Kunden: Software, Schulungen, Wartung, Fuhrpark, Personal, Beratung, Ausstattung.
Sie schreiben ihren Bedarf öffentlich aus, das Budget ist bewilligt, und in vielen Segmenten bewerben sich erstaunlich wenige Anbieter.
Eine Auswertung von knapp 129.000 Vergabeergebnissen aus zwei Jahren zeigt, wie viel freies Feld dort liegt – und warum der Aufwand die meisten Unternehmen bisher abhält.
Wie viel Wettbewerb gibt es bei öffentlichen Ausschreibungen?
Was dort ausgeschrieben wird, betrifft fast jede Vertriebsorganisation: Softwarelizenzen und Fachverfahren, Schulungen und Weiterbildung, Wartung technischer Anlagen, Fuhrpark und Werkstattleistungen, Personaldienstleistungen, Beratung, Reinigung, Catering, Möbel und Ausstattung.
Der öffentliche Sektor kauft dieselben Leistungen wie Ihre privaten Kunden, nur nach anderen Regeln.
Die wichtigste Zahl zuerst: Über alle Branchen hinweg erhielten 22 Prozent der öffentlich vergebenen Lose höchstens ein Angebot. In gut jedem fünften Verfahren hatte die öffentliche Hand am Ende also keine echte Auswahl. Der Median über alle Verfahren liegt bei drei Angeboten.
In einzelnen Segmenten ist es noch deutlicher. Der Anteil der Lose mit höchstens einem Angebot liegt bei:
- Labor- und Messtechnik: 55 Prozent
- Fahrzeuge und Aufbauten: 47 Prozent
- Bildung und Schulung: 44 Prozent, in der beruflichen Bildung sogar 70 Prozent
- Elektrotechnik: 40 Prozent
- Wartung und Instandhaltung: 35 Prozent
- Software und Fachverfahren: 34 Prozent
Das sind ganze Branchen, in denen die öffentliche Hand regelmäßig kaum jemanden findet, der ihr ein Angebot macht.
Was die Angebotszahlen für Ihre Vertriebsplanung bedeuten
Rechnen Sie die Zahlen in eine Kennzahl um, die jeder Vertriebsleiter kennt:
Wie viele Angebote kosten einen Auftrag? Über alle Branchen kommen auf einen erteilten Zuschlag 5,4 Angebote. Rechnerisch gewinnt ein Bieter also etwa jedes fünfte Angebot.
Eine Trefferquote von rund 19 Prozent – ohne Kaltakquise, ohne Bedarfsweckung, ohne Gatekeeper. Im klassischen Neugeschäft erreichen das die wenigsten.
Je nach Segment ist die Quote noch besser:
- In der beruflichen Bildung kamen auf einen Zuschlag 1,5 Angebote, das entspricht einer rechnerischen Trefferquote von 67 Prozent.
- Labor- und Messtechnik liegt bei 2,2 Angeboten, Fahrzeuge bei 2,4, Software bei 3,2, Wartung bei 3,5.
Am anderen Ende stehen ausgerechnet die klassischen B2B-Dienstleistungen:
- Beratung, Marketing und Personaldienstleistungen brauchen 8,1 Angebote pro Zuschlag
- die Personalvermittlung sogar 8,9
Auch innerhalb der IT ist der Unterschied groß: Für Software und Fachverfahren reichen 3,2 Angebote, für IT-Dienstleistungen sind es 5,9.
Diese Spreizung ist die wichtigste strategische Information für jeden, der den Kanal plant.
Machen Sie daraus eine einfache Pipeline-Rechnung:
Wer in einem Segment mit 2,2 Angeboten pro Zuschlag zehn Angebote im Jahr abgibt, landet rechnerisch bei vier bis fünf Aufträgen. In einem Segment mit 8,1 Angeboten pro Zuschlag braucht dieselbe Zahl an Aufträgen rund 35 Angebote. Das ist der Unterschied zwischen einem Nebenprojekt und einem eigenen Prozess.
Angebote pro Zuschlag nach Segment
| Segment | Lose | höchstens 1 Angebot | Angebote pro Zuschlag | Trefferquote je Angebot |
| Berufliche Bildung und Umschulung | 519 | 70 % | 1,5 | 67 % |
| Labor- und Messtechnik | 1.665 | 55 % | 2,2 | 46 % |
| Fahrzeuge und Aufbauten | 6.995 | 47 % | 2,4 | 42 % |
| Bildung und Schulung gesamt | 4.633 | 44 % | 3,0 | 33 % |
| Software und Fachverfahren | 2.413 | 34 % | 3,2 | 31 % |
| Wartung und Instandhaltung | 2.795 | 35 % | 3,5 | 29 % |
| Möbel und Ausstattung | 2.528 | 25 % | 4,1 | 25 % |
| IT-Dienstleistungen | 3.449 | 21 % | 5,9 | 17 % |
| Bauleistungen | 32.722 | 11 % | 6,6 | 15 % |
| Beratung, Marketing, Personal | 4.583 | 12 % | 8,1 | 12 % |
| Alle Branchen | 128.935 | 22 % | 5,4 | 19 % |
Quelle: eigene Auswertung, EU-weite Vergaben in Deutschland 09/2024–08/2026
Vier von fünf Unternehmen treten bei Ausschreibungen gar nicht erst an
Dass so wenige Angebote eingehen, liegt nicht an fehlenden Anbietern. In zwei Jahren tauchen in den Vergabedaten rund 58.000 Unternehmen als Auftragnehmer der öffentlichen Hand auf. Infrage kämen nach unserer Schätzung auf Basis des Unternehmensregisters rund 285.000 Firmen ab zehn Beschäftigten, deren Leistungen zur öffentlichen Nachfrage passen.
Vier von fünf bleiben dem Markt fern. Der öffentliche Sektor ist also nicht gesättigt, sondern unterbesetzt. Das ist die eigentliche Nachricht dieser Auswertung.
Fragt man in Vertriebsorganisationen nach, hört man dafür meist zwei Begründungen. Die erste: Das sei ohnehin vergeben, der Wettbewerb nur Formsache. Dagegen sprechen die Zahlen selbst – wo in 22 Prozent der Verfahren nur ein Angebot eingeht, gibt es keinen Platzhirsch, den man verdrängen müsste, sondern schlicht keinen zweiten Bieter.
Die zweite Begründung ist ehrlicher: zu kompliziert, zu viel Papier, zu wenig Zeit. Und die stimmt.
Welche Chancen und Nachteile bietet B2G-Vertrieb?
Wer aus dem klassischen B2B-Vertrieb kommt, unterschätzt meist, wie viel Vorarbeit bei öffentlichen Auftraggebern bereits erledigt ist.
- Die Nachfrage ist veröffentlicht. Sie müssen keinen Bedarf wecken, sondern nur entscheiden, ob Sie liefern können und wollen.
- Das Budget steht. Finanzierungsvorbehalte, die im privaten Neugeschäft ständig Deals kippen, sind hier die Ausnahme.
- Es gibt keine Gatekeeper. Kein Vorzimmer, keine kalte Ansprache, kein Kampf um einen Termin.
- Die Entscheidungskriterien liegen offen. Sie wissen vorher, wie Preis, Konzept und Referenzen gewichtet werden.
- Die Laufzeiten sind lang. Rahmenverträge über zwei bis vier Jahre bringen planbare Auslastung.
- Der Kunde zahlt zuverlässig und wirkt als Referenz für die nächsten Verfahren.
- Ebenso ehrlich gehören die Nachteile auf den Tisch:
- Beziehungsvertrieb zieht nicht. Der Gleichbehandlungsgrundsatz verbietet der Vergabestelle, einzelne Bieter zu bevorzugen. Ihr guter Draht hilft hier nicht.
- Formfehler sind tödlich. Ein fehlendes Formblatt führt zum Ausschluss, bevor jemand Ihr Angebot inhaltlich liest.
- Der Preis dominiert häufig. Wer über Wert verkauft, muss diesen Wert in messbare Kriterien übersetzen.
- Die Zyklen sind lang und starr. Fristen sind nicht verhandelbar, bis zum Zuschlag vergehen oft Monate.
- Nachverhandeln ist meist ausgeschlossen. Was Sie abgeben, gilt.
- Jedes Angebot kostet Kapazität – und genau daran scheitern die meisten.
Für wen sich der Kanal nicht lohnt
In drei Fällen sollten Sie sich die Mühe sparen:
- Wenn Ihre Leistung stark erklärungsbedürftig ist und ihren Wert erst im Gespräch entfaltet, sind Sie in einem preisdominierten Verfahren im Nachteil.
- Wenn Sie die geforderten Nachweise nicht erbringen können – Referenzen vergleichbarer Größe, Zertifikate, Mindestumsätze, Versicherungssummen – scheitern Sie an der Eignungsprüfung, nicht am Angebot.
- Wenn Sie die Kapazität für einen Mehrjahresvertrag nicht sicher darstellen können, wird ein gewonnener Rahmenvertrag schnell zum Problem.
Für alle anderen gilt: Es lohnt sich, die Zahlen für das eigene Segment einmal nachzurechnen, statt den Kanal pauschal abzuhaken.
Der Haken: der Aufwand
Es gibt einen sehr guten Grund, warum vier von fünf Unternehmen diesen Kanal liegen lassen. Er heißt nicht mangelndes Interesse, sondern Aufwand.
In einer Befragung des Kompetenzzentrums innovative Beschaffung (KOINNO) aus dem Jahr 2025 geben 80 Prozent der Unternehmen an, dass öffentliche Kunden mehr Aufwand verursachen als andere.
Knapp ein Drittel schätzt, dass allein die Einarbeitung in ein einziges Verfahren mehr als 15 Tage dauert.
Dieser Aufwand entsteht nicht dort, wo Vertrieb stattfindet. Ausschreibungen liegen verteilt auf zahlreichen Vergabeplattformen. Die Unterlagen kommen als Paket aus Leistungsbeschreibung, Vertragsbedingungen, Preisblättern und einer Reihe von Formblättern. Dazu Nachweise, die aktuell sein müssen: Unbedenklichkeitsbescheinigungen, Versicherungsnachweise, Referenzlisten, je nach Bundesland Tariftreue-Erklärungen. Jede Vergabestelle fragt das etwas anders ab.
Die Rechnung ist unangenehm. Die Zeit, die in Formalien fließt, fehlt bei Kalkulation und Konzept – also dort, wo der Zuschlag entschieden wird. Und sie fehlt im restlichen Vertrieb. Deshalb steigen viele Unternehmen nach zwei, drei Versuchen wieder aus. Nicht weil sie zu teuer waren, sondern weil die Kapazität nicht reichte, um oft genug anzutreten.
Das seit dem 1. Juli 2026 geltende Vergabebeschleunigungsgesetz verspricht Entlastung, setzt aber vor allem bei den Verfahren der Vergabestellen an. Die Arbeit am einzelnen Angebot bleibt beim Bieter.
Was KI daran ändert
Der größte Teil dieser Arbeit ist Routine. Und Routine lässt sich inzwischen automatisieren. Software mit künstlicher Intelligenz kann:
- neue Ausschreibungen aus allen Quellen einsammeln und nach Leistung, Region und Auftragsgröße vorsortieren,
- die Unterlagen in Minuten lesen und die Eckdaten für die Bid/No-Bid-Entscheidung zusammenfassen: Leistungsumfang, Eignungsanforderungen, Zuschlagskriterien, Fristen,
- Formblätter und Eigenerklärungen aus einem einmal gepflegten Unternehmensprofil befüllen,
- Nachweise zusammenstellen, deren Ablaufdaten überwachen und Änderungen an den Unterlagen melden.
Wichtig ist, worauf Sie bei solchen Werkzeugen achten: Sie müssen die Unterlagen vollständig verarbeiten, nicht nur die Bekanntmachung. Sie müssen nachvollziehbar machen, woher eine Information stammt. Und sie müssen an Ihre Nachweise und Textbausteine angebunden sein, sonst verlagern Sie die Arbeit nur.
Beim Vertrieb bleibt, was nur er kann: die Bid/No-Bid-Entscheidung, die Kalkulation und das Konzept. Aus Tagen Arbeit pro Angebot werden Stunden, und dasselbe Team kann an deutlich mehr Verfahren teilnehmen. Genau daran arbeiten wir bei Tenpal mit mittelständischen Unternehmen.
Damit fällt der Grund weg, der den Kanal bisher blockiert hat. Wer heute in ein Segment mit zwei Angeboten pro Zuschlag einsteigt, konkurriert mit einer Handvoll Anbietern um Aufträge, die über Jahre laufen.
In fünf Schritten in den B2G-Vertrieb starten
- Segment und Frequenz bestimmen. Zählen Sie, wie viele passende Verfahren es in Ihrem Leistungsbereich pro Jahr gibt und wie viele Angebote dort auf einen Zuschlag kommen. Daraus ergibt sich Ihr Jahresziel an Angeboten.
- Bid/No-Bid-Kriterien festlegen. Drei bis fünf harte Kriterien reichen: Region, Mindest- und Höchstvolumen, geforderte Referenzen, Eignungsnachweise, Vertragsrisiken. Was durchfällt, wird nicht diskutiert. Das spart mehr Zeit als jede Optimierung im Angebot selbst.
- Einen Unterlagen-Baukasten anlegen. Unternehmensdarstellung, Qualitätskonzepte, Referenzblätter, Musterkalkulationen: einmal sauber aufsetzen, dann pro Verfahren anpassen. Das zweite Angebot ist deutlich billiger als das erste.
- Nachweise zentral pflegen. Bescheinigungen, Zertifikate und Präqualifikationen haben Ablaufdaten. Ein abgelaufener Nachweis kostet Sie das Verfahren, egal wie gut Ihr Angebot war.
- Jede Vergabe auswerten. Nach dem Zuschlag erfahren Sie, wer gewonnen hat und warum Sie nicht zum Zug kamen. Wer das sammelt, kennt nach einem Jahr Preisniveau und Wettbewerber im eigenen Segment besser als aus jeder Marktstudie. Nutzen Sie außerdem die Bieterfragen: Unklare Mengengerüste oder zu enge Anforderungen lassen sich vor der Abgabe klären.
Fazit: ein Kanal, der auf Anbieter wartet
Mir ist kein zweiter Vertriebskanal bekannt, in dem die Nachfrage öffentlich ausgeschrieben wird, das Budget feststeht – und trotzdem vier von fünf möglichen Anbietern nicht antreten. Genau das macht B2G im Moment so attraktiv.
Realistisch ist im ersten Jahr trotzdem kein Umsatzsprung, sondern Lernkurve: die passenden Verfahren erkennen, den Baukasten aufbauen, das Preisniveau verstehen. Wer zwei Angebote schreibt und dann aufhört, hat den Kanal nicht getestet, sondern nur die Anlaufkosten bezahlt.
Rechnen Sie deshalb zuerst: Wie viele passende Verfahren gibt es in Ihrem Segment, wie viele Angebote kostet dort ein Zuschlag, wie viele Angebote schaffen Sie im Jahr? Wenn die dritte Zahl zu klein ist, ist das kein Grund, den Kanal zu lassen. Es ist ein Grund, den Aufwand pro Angebot zu senken.
| So wurde ausgewertet Grundlage sind 128.935 Lose aus EU-weiten Vergabeverfahren mit Teilnahmewettbewerb in Deutschland, deren Ergebnis zwischen September 2024 und August 2026 veröffentlicht wurde und für die die Zahl der eingegangenen Angebote vorliegt. Die Zuordnung zu den Segmenten erfolgt über den CPV-Code des Loses. „Angebote pro Zuschlag“ ist die Summe aller Angebote geteilt durch die Zahl der erteilten Zuschläge; einzelne offensichtlich fehlerhafte Angaben über 30 Angebote je Los sind mit 30 gezählt. Nationale Vergaben unterhalb der EU-Schwellenwerte sind nicht enthalten. Unternehmenszahlen: Unternehmensregister des Statistischen Bundesamts. |
Kasimir Friederich ist Gründer von Tenpal. Das Unternehmen automatisiert für mittelständische Betriebe die Arbeit an öffentlichen Ausschreibungen – von der Sichtung bis zu den Angebotsunterlagen. Kontakt: tenpal.de
Grafik (separat als JPEG anbei)
Bildunterschrift: Angebote pro Zuschlag nach Segment: In der beruflichen Bildung reichen rechnerisch 1,5 Angebote, bei Beratung, Marketing und Personal sind es 8,1. EU-weite Vergaben in Deutschland, 09/2024–08/2026. Quelle: eigene Auswertung
Zur Person
Kasimir Friederich ist Gründer von Tenpal. Das Unternehmen
Welche Chancen und Nachteile bietet B2G-Vertrieb?
Wer aus dem klassischen B2B-Vertrieb kommt, unterschätzt meist, wie viel Vorarbeit bei öffentlichen Auftraggebern bereits erledigt ist.
Die Nachfrage ist veröffentlicht. Sie müssen keinen Bedarf wecken, sondern nur entscheiden, ob Sie liefern können und wollen.
Das Budget steht. Finanzierungsvorbehalte, die im privaten Neugeschäft ständig Deals kippen, sind hier die Ausnahme.
Es gibt keine Gatekeeper. Kein Vorzimmer, keine kalte Ansprache, kein Kampf um einen Termin.
Die Entscheidungskriterien liegen offen. Sie wissen vorher, wie Preis, Konzept und Referenzen gewichtet werden.
Die Laufzeiten sind lang. Rahmenverträge über zwei bis vier Jahre bringen planbare Auslastung.
Der Kunde zahlt zuverlässig und wirkt als Referenz für die nächsten Verfahren.
Ebenso ehrlich gehören die Nachteile auf den Tisch:
Beziehungsvertrieb zieht nicht. Der Gleichbehandlungsgrundsatz verbietet der Vergabestelle, einzelne Bieter zu bevorzugen. Ihr guter Draht hilft hier nicht.
Formfehler sind tödlich. Ein fehlendes Formblatt führt zum Ausschluss, bevor jemand Ihr Angebot inhaltlich liest.
Der Preis dominiert häufig. Wer über Wert verkauft, muss diesen Wert in messbare Kriterien übersetzen.
Die Zyklen sind lang und starr. Fristen sind nicht verhandelbar, bis zum Zuschlag vergehen oft Monate.
Nachverhandeln ist meist ausgeschlossen. Was Sie abgeben, gilt.
Jedes Angebot kostet Kapazität – und genau daran scheitern die meisten.
Für wen sich der Kanal nicht lohnt
Drei Fälle sollten Sie sich sparen. Erstens: Wenn Ihre Leistung stark erklärungsbedürftig ist und ihren Wert erst im Gespräch entfaltet, sind Sie in einem preisdominierten Verfahren im Nachteil. Zweitens: Wenn Sie die geforderten Nachweise nicht erbringen können – Referenzen vergleichbarer Größe, Zertifikate, Mindestumsätze, Versicherungssummen – scheitern Sie an der Eignungsprüfung, nicht am Angebot. Drittens: Wenn Sie die Kapazität für einen Mehrjahresvertrag nicht sicher darstellen können, wird ein gewonnener Rahmenvertrag schnell zum Problem.
Für alle anderen gilt: Es lohnt sich, die Zahlen für das eigene Segment einmal nachzurechnen, statt den Kanal pauschal abzuhaken.
Der Haken: der Aufwand
Es gibt einen sehr guten Grund, warum vier von fünf Unternehmen diesen Kanal liegen lassen. Er heißt nicht mangelndes Interesse, sondern Aufwand.
In einer Befragung des Kompetenzzentrums innovative Beschaffung (KOINNO) aus dem Jahr 2025 geben 80 Prozent der Unternehmen an, dass öffentliche Kunden mehr Aufwand verursachen als andere. Knapp ein Drittel schätzt, dass allein die Einarbeitung in ein einziges Verfahren mehr als 15 Tage dauert.
Dieser Aufwand entsteht nicht dort, wo Vertrieb stattfindet. Ausschreibungen liegen verteilt auf zahlreichen Vergabeplattformen. Die Unterlagen kommen als Paket aus Leistungsbeschreibung, Vertragsbedingungen, Preisblättern und einer Reihe von Formblättern. Dazu Nachweise, die aktuell sein müssen: Unbedenklichkeitsbescheinigungen, Versicherungsnachweise, Referenzlisten, je nach Bundesland Tariftreue-Erklärungen. Jede Vergabestelle fragt das etwas anders ab.
Die Rechnung ist unangenehm. Die Zeit, die in Formalien fließt, fehlt bei Kalkulation und Konzept – also dort, wo der Zuschlag entschieden wird. Und sie fehlt im restlichen Vertrieb. Deshalb steigen viele Unternehmen nach zwei, drei Versuchen wieder aus. Nicht weil sie zu teuer waren, sondern weil die Kapazität nicht reichte, um oft genug anzutreten.
Das seit dem 1. Juli 2026 geltende Vergabebeschleunigungsgesetz verspricht Entlastung, setzt aber vor allem bei den Verfahren der Vergabestellen an. Die Arbeit am einzelnen Angebot bleibt beim Bieter.
Was KI daran ändert
Der größte Teil dieser Arbeit ist Routine. Und Routine lässt sich inzwischen automatisieren. Software mit künstlicher Intelligenz kann
neue Ausschreibungen aus allen Quellen einsammeln und nach Leistung, Region und Auftragsgröße vorsortieren,
die Unterlagen in Minuten lesen und die Eckdaten für die Bid/No-Bid-Entscheidung zusammenfassen: Leistungsumfang, Eignungsanforderungen, Zuschlagskriterien, Fristen,
Formblätter und Eigenerklärungen aus einem einmal gepflegten Unternehmensprofil befüllen,
Nachweise zusammenstellen, deren Ablaufdaten überwachen und Änderungen an den Unterlagen melden.
Wichtig ist, worauf Sie bei solchen Werkzeugen achten: Sie müssen die Unterlagen vollständig verarbeiten, nicht nur die Bekanntmachung. Sie müssen nachvollziehbar machen, woher eine Information stammt. Und sie müssen an Ihre Nachweise und Textbausteine angebunden sein, sonst verlagern Sie die Arbeit nur.
Beim Vertrieb bleibt, was nur er kann: die Bid/No-Bid-Entscheidung, die Kalkulation und das Konzept. Aus Tagen Arbeit pro Angebot werden Stunden, und dasselbe Team kann an deutlich mehr Verfahren teilnehmen. Genau daran arbeiten wir bei Tenpal mit mittelständischen Unternehmen.
Damit fällt der Grund weg, der den Kanal bisher blockiert hat. Wer heute in ein Segment mit zwei Angeboten pro Zuschlag einsteigt, konkurriert mit einer Handvoll Anbietern um Aufträge, die über Jahre laufen.
In fünf Schritten in den B2G-Vertrieb starten
- Segment und Frequenz bestimmen. Zählen Sie, wie viele passende Verfahren es in Ihrem Leistungsbereich pro Jahr gibt und wie viele Angebote dort auf einen Zuschlag kommen. Daraus ergibt sich Ihr Jahresziel an Angeboten.
- Bid/No-Bid-Kriterien festlegen. Drei bis fünf harte Kriterien reichen: Region, Mindest- und Höchstvolumen, geforderte Referenzen, Eignungsnachweise, Vertragsrisiken. Was durchfällt, wird nicht diskutiert. Das spart mehr Zeit als jede Optimierung im Angebot selbst.
- Einen Unterlagen-Baukasten anlegen. Unternehmensdarstellung, Qualitätskonzepte, Referenzblätter, Musterkalkulationen: einmal sauber aufsetzen, dann pro Verfahren anpassen. Das zweite Angebot ist deutlich billiger als das erste.
- Nachweise zentral pflegen. Bescheinigungen, Zertifikate und Präqualifikationen haben Ablaufdaten. Ein abgelaufener Nachweis kostet Sie das Verfahren, egal wie gut Ihr Angebot war.
- Jede Vergabe auswerten. Nach dem Zuschlag erfahren Sie, wer gewonnen hat und warum Sie nicht zum Zug kamen. Wer das sammelt, kennt nach einem Jahr Preisniveau und Wettbewerber im eigenen Segment besser als aus jeder Marktstudie. Nutzen Sie außerdem die Bieterfragen: Unklare Mengengerüste oder zu enge Anforderungen lassen sich vor der Abgabe klären.
Fazit: ein Kanal, der auf Anbieter wartet
Mir ist kein zweiter Vertriebskanal bekannt, in dem die Nachfrage öffentlich ausgeschrieben wird, das Budget feststeht – und trotzdem vier von fünf möglichen Anbietern nicht antreten. Genau das macht B2G im Moment so attraktiv.
Realistisch ist im ersten Jahr trotzdem kein Umsatzsprung, sondern Lernkurve: die passenden Verfahren erkennen, den Baukasten aufbauen, das Preisniveau verstehen. Wer zwei Angebote schreibt und dann aufhört, hat den Kanal nicht getestet, sondern nur die Anlaufkosten bezahlt.
Rechnen Sie deshalb zuerst: Wie viele passende Verfahren gibt es in Ihrem Segment, wie viele Angebote kostet dort ein Zuschlag, wie viele Angebote schaffen Sie im Jahr? Wenn die dritte Zahl zu klein ist, ist das kein Grund, den Kanal zu lassen. Es ist ein Grund, den Aufwand pro Angebot zu senken.
| So wurde ausgewertet Grundlage sind 128.935 Lose aus EU-weiten Vergabeverfahren mit Teilnahmewettbewerb in Deutschland, deren Ergebnis zwischen September 2024 und August 2026 veröffentlicht wurde und für die die Zahl der eingegangenen Angebote vorliegt. Die Zuordnung zu den Segmenten erfolgt über den CPV-Code des Loses. „Angebote pro Zuschlag“ ist die Summe aller Angebote geteilt durch die Zahl der erteilten Zuschläge; einzelne offensichtlich fehlerhafte Angaben über 30 Angebote je Los sind mit 30 gezählt. Nationale Vergaben unterhalb der EU-Schwellenwerte sind nicht enthalten. Unternehmenszahlen: Unternehmensregister des Statistischen Bundesamts. |
Kasimir Friederich ist Gründer von Tenpal. Das Unternehmen automatisiert für mittelständische Betriebe die Arbeit an öffentlichen Ausschreibungen – von der Sichtung bis zu den Angebotsunterlagen. Kontakt: tenpal.de
Grafik (separat als JPEG anbei)
Bildunterschrift: Angebote pro Zuschlag nach Segment: In der beruflichen Bildung reichen rechnerisch 1,5 Angebote, bei Beratung, Marketing und Personal sind es 8,1. EU-weite Vergaben in Deutschland, 09/2024–08/2026. Quelle: eigene Auswertung
Zur Person
Kasimir Friederich ist Gründer von Tenpal. Das Unternehmen automatisiert für mittelständische Betriebe die Arbeit an öffentlichen Ausschreibungen – von der Sichtung der Verfahren bis zu den Angebotsunterlagen. Für diesen Beitrag hat er rund 129.000 Vergabeergebnisse aus zwei Jahren ausgewertet.
automatisiert für mittelständische Betriebe die Arbeit an öffentlichen Ausschreibungen – von der Sichtung der Verfahren bis zu den Angebotsunterlagen. Für diesen Beitrag hat er rund 129.000 Vergabeergebnisse aus zwei Jahren ausgewertet.
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